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Deutschland - Polen - Europa

Warum begehen wir feierlich den 60. Jahrestag der Ratifizierung des Grundgesetzes der BRD?

Die Bedeutung des Grundgesetzes der BRD versteht nicht, wer nicht die deutsche Geschichte kennt, denn es handelt sich um einen Präzedenzfall, für den man nur schwer eine Analogie in der Geschichte findet. Nach der Reichsgründung 1871 versuchte die „verspätete deutsche Nation” ihre Lektion in Sachen Nationalismus aufzuholen. Sie machte dies zügig, nach preußischem Muster und unter preußischer Aufsicht. Deutschland fand schnell seinen "Platz an der Sonne", allerdings widersprach das dem, was  der deutsche Staatssekretär des Äußeren, Bernhard von Bülow, 1897 gesagt hatte, anderen Staaten und Völkern wiesen sie sehr wohl "Platz im Schatten" zu. Es begann die deutsche „Weltpolitik”, deren Folge sowohl der 1. als auch der 2. Weltkrieg war. Das besiegte deutsche Volk, sein Schicksal in Händen der Großmächte, hatte die Werte verloren, die es 70 Jahre lang konsolidiert hatten.
1945 mussten sich die Deutschen die Frage stellen, wo und wie ihr Heimatland sein sollte? Der Kompass für das neue Deutschland (d.h. natürlich Westdeutschland) sollte eine neue Verfassung sein. In ihr wurden neue völkerverbindende Elemente gesucht, gleichzeitig sollte die neue Rechtsordnung für den Aufbau einer für Europa ungefährlichen Bürgergesellschaft sorgen. Wie der herausragende Vater des Grundgesetzes, Carlo Schmid, hervorhob: „Eine Verfassung ist nichts anderes als die in Rechtsform gebrachte Selbstverwirklichung der Freiheit eines Volkes.“ Einen besonderen Einfluss auf die Gestaltung des Grundgesetzes hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer, der schon in der Präambel die ihm so nahestehenden christlichen Werte durchsetzte: die Verantwortung des deutschen Volkes vor Gott und den Menschen und die Sorge um den Frieden in der Welt. Dank der Unterstützung der Großmächte musste Westdeutschland keinen neuen „Deutschen Sonderweg” suchen, sondern fand seinen Platz in Europa, was den Aufbau der deutschen Bürgergesellschaft förderte. Die Deutschen konnten wieder stolz sein, nicht aufgrund des Rassegedankens, sondern auf das Wirtschaftswunder, den deutschen Parlamentarismus, den Föderalismus und ihren Platz im gemeinsamen Europa. Es vollzog sich ein ungewöhnlicher Konsolidierungsprozess in der westdeutschen Gesellschaft aufgrund der Verfassung und der darin enthaltenen Wertevorstellungen; es begann sich ein Bürgerethos herauszubilden, etwas, das Jürgen Habermas „Verfassungspatriotismus“ nannte.
Die Wiedervereinigung Deutschlands warf neue Fragen auf: würden Adenauers Werte für die jungen Deutschen ein Bindemittel sein können, würde das Grundgesetz der BRD den Herausforderungen der neuen Zeit gewachsen sein, ist und wird es für die multitethnische und multikulturelle Gesellschaft der heutigen BRD ausreichend sein? Und schließlich die wichtigste Frage: ist der emotionslose, „kalte” Verfassungspatriotismus der Kriegsgeneration für die junge Generation Deutschlands akzeptabel? Wenn nicht, wie definiert man den deutschen Patriotismus neu, damit sich die Nachbarn dieser größten Nation in Europa nicht wieder zu fürchten beginnen?
Die Polen sind hierbei in einer besonderen Situation. Unsere geschichtliche Empfindsamkeit steht der deutschen Neudefinition der historischen Erinnerung entgegen. Wir betrachten das, was hinter unserer Westgrenze passiert, mit Unruhe, manchmal mit Furcht. Zu Recht fordern wir, dass die Deutschen sich an das uns zugefügte Unrecht erinnern, damit sie die Auswirkungen nicht bewerten, ohne sich der Ursachen bewusst zu sein. Wir sollten uns aber auch selbst auf die Brust schlagen – der durchschnittliche Pole weiß nichts von den Veränderungen, die deutsche Gesellschaft nach dem 2. Weltkrieg durchgemacht hat. Er weiß nicht, welche Werte dem deutschen Volk wichtig sind. Die Interpretation der gegenseitigen Haltungen, die gegenseitige Bewertung der Politik beider Staaten erfolgt meist auf der Grundlage von Stereotypen und Unwissenheit.
Unsere Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Ratifizierung des Grundgesetzes der BRD erfolgt aus Achtung vor den Errungenschaften der demokratischen, westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Und aus Wertschätzung unserer gemeinsamen Nachbarschaft, die nach dem zweiten europäischen Völkerfrühling von 1989/90 mehr eint als teilt. Und schließlich aus Achtung der gemeinsamen europäischen Axiologie, die den politischen und kulturellen Rahmen der Europäischen Union darstellt. Die akademische Form der Feierlichkeiten mit eingebundener wissenschaftlicher Konferenz entspringt dem universitären Glanz Krakaus – der Stadt der Wissenschaft und der Kultur.

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